Über das eigene Leben zu schreiben ist eine Gratwanderung zwischen Egozentrismus und Katharsis.

Dienstag, 1. Februar 2011

Was mich wirklich richtig SAUER macht!!!

Ich weiß, es ist ein längerer Eintrag geworden, aber ich hoffe ihr lest ihn trotzdem und erfahrt mehr über mich und meinen Seelenzustand.

Es gibt Umstände in unserer Staatsorganisation, die mich wütend machen. Ich fühle mich machtlos, überfordert, aber vor allem wütend. Natürlich kann ich nicht dem Staat jegliche Schuld zuweisen. Das Versagen Einzelner steht in der Geschichte, die ich heute erzähle, stellvertretend für die Missstände.

Meine Tanten haben sich vor nun fast zwei Jahren dazu entschieden, Pflegekinder aufzunehmen. Bewusst sollte es sich hierbei um Pflegekinder handeln. Für viele Paare ist dieses Art der Unterstützung von Kindern keine Option, man hört viel häufiger von Adoption.
Ich halte die Idee von Kinderpflegschaft für notwendig und bewundernswert.

Es gibt genug Kinder und vor allem Jugendliche, deren Zuhause ihnen nicht die nötige Zuwendung bieten kann.
Und das meine ich ganz ohne Wertung.
Ob es nun fehlende finanzielle Kräfte sind, die eigene Belastbarkeit überfordert ist, die Fähigkeit zu erziehen an Grenzen kommt, es gibt genug Gründe, die auch ich, ohne Kinder, nachvollziehen kann.
Der Gang zum Jugendamt wird trotzdem von vielen Eltern als Schande angesehen und damit ist es meistens schon viel zu spät, eine sanfte Lösung für die betroffene Familie zu finden, wenn ein Außenstehender die Notbremse zieht.
Natürlich gibt es in dieser Situation Herausforderungen für ALLE Involvierten, aber für mich, als junge Erwachsene, deren Kindheit nicht in allzu ferner Vergangenheit liegt, muss hier der Fokus auf dem Wohl der Kinder liegen.

Familien oder kinderlose Paare, die sich entscheiden, diese verunsicherten Kinder aufzunehmen, sind sich im Idealfall der Verantwortung und harten Arbeit bewusst, die auf sie zu kommen werden.
Es gilt nicht nur, das Kind zu ernähren, Bildung und Gesundheit zu sichern. Eine Nachbereitung der meist traumatischen Ereignisse muss ebenfalls gewährleistet werden.
Das geschieht meist intuitiv mit viel Aufmerksamkeit und Zuwendung, manchmal durch Unterstützung von professioneller Hilfe.

Vor 20 Monaten kamen drei Geschwister zu meinen Tanten, Marc (5), Isabella (10) und Kai (12). Über die Herkunft habe ich nur das Nötigste erfahren.
Eine durch Scheidung zerrüttete Arbeiterfamilie mit insgesamt sieben Kindern.
Körperlich und mental überforderte Mutter.
Jahrelang angestaute Konflikte unter den Geschwistern.

Ich kenne mich zu wenig aus mit dem Musterbeispiel „Problemfamilie“, aber ich halte solche Etikettierungen ohnehin für selten hilfreich.

Das Pflegeverhältnis mit den drei Kindern war im Vorhinein als „befristet“ eingestuft worden.
Es wurden dennoch keine Prognosen gemacht.
Vorerst sollten die Kinder sich einleben und zunächst für 10 Monate bei meinen Tanten leben.

Die Zeit habe ich in schöner Erinnerung.
Schnell wurde mir intuitiv eine „Große-Schwester-Rolle“ zugeordnet, ich genoss die Nähe zu den dreien, verbrachte Familienwochenende im Haus meiner Tanten, habe oftmals abends den Babysitter gespielt.
Ich erinnere mich gut an meine Faszination darüber, welche riesigen Entwicklungssprünge alle drei Kinder machten.
Kai gewann Selbstsicherheit durch Gitarrenstunden und Jiu Jitsu.
Bella verbesserte sich stetig in den Leistungen, die sie für die Förderschule erbringen sollte, die Aussicht auf einen Schulwechsel wurde immer konkreter.
Marc...
Ja, Marc war ein Schatz. Laut, lustig, verspielt, ein bezauberndes Kind.
Etwas überrascht war ich von der Selbstverständlichkeit von Nähe, die alle drei Kinder hatten.
Kuscheln, umarmen, raufen... Nicht nur untereinander, sondern auch zu mit mir, meinen Tanten.
Es war eine Freude.

Der Kontakt mit Mutter und Vater blieb während der ganzen Zeit erhalten. Es sollte ja nicht darum gehen, die Kinder den Eltern zu entfremden, sondern die vorhandenen Herausforderungen und Konflikte zu bearbeiten und entspannen.

Jetzt lese ich über meine letzten Zeilen und es hört sich fast an wie ein Nachruf.
Tja, das fühlt sich fast auch ein bisschen so an.

Vor ziemlich genau einem Jahr, nach weniger als den anberaumten zehn Monaten führte eine Reihe von Entscheidungen innerhalb des zuständigen Jugendamtes sowie vehementem Druck der Mutter dazu, dass die drei Kinder zurück zu ihrer Mutter kamen, die nun ihre Therapie abgeschlossen hatte.

Es wurde vereinbart, dass die Kinder einmal im Monat ein Wochenende bei meinen Tanten verbringen, soweit so gut.
Kai ging sofort auf Abstand. Verweigerte die Besuchswochenenden, blies Jiu Jitsu ab.
Wen wundert es?
Alle drei Kinder wirkten in der ersten Zeit wie versteinert.
Natürlich ist eine so extreme Umstellung immer schwierig.
Vorher gab es Mittag- und Abendessen gemeinsam am Tisch, portionierte Süßigkeiten, pädagogische Konfliktlösung, frische Luft, Bewegung, Hausaufgabenhilfen.
Jetzt alles nicht mehr.
Natürlich.
Das klingt nach perfekter Umgebung für Kinder.
Und ich gestehe es allen Eltern zu, dass dieses Ideal äußerst schwer einzuhalten ist.

Meine Tanten versuchten, die gemeinsamen Wochenende als Gegenpol zum trostlosen Leben Zuhause zu nutzen. Schwimmbad im Sommer, Schlitten fahren im Winter...
Na ja, das letzte Jahre verschwimmt.
Ich war im Sommer ja auch drei Monate überhaupt nicht da.
Habe einiges verpasst.

Jetzt komme ich aber zum eigentlichen Aufreger in der ganzen Geschichte.
Zwei Tage vor dem vergangenen Weihnachtsfest verbietet die Mutter meinen Tanten den Umgang.
Das halte ich bei einem unreflektierten Menschen, wie sie es ist, für soooo verständlich.
Meine Tanten waren natürlich eine Bedrohung und verunsicherten sie tief in der Beziehung zu ihren Kinder.
Allerdings.
Sie tun den Kindern gut.
Sie setzen sich ein, unterstützen...

Ach man. Und beim Jugendamt dauert es auch Wochen, bis sich da jemand drum kümmert.

Mittlerweile höre ich nur auf Umwegen, dass Bellas Versetzung gefährdet ist, Kai auch noch mit den Gitarrenstunden aufgehört hat und sie fehlen mir.
Ich vermisse jedes einzelne der drei Kinder und es tut mir weh zu sehen, dass meinen Tanten die Sorge und Sehnsucht in den Augen steht.
Vor allem aber macht es mir Angst zu hören, welche Rückschritte die Kinder gemacht haben und dass es ihnen offensichtlich im Moment nicht gut geht.

Wie es mit dieser Situation weitergeht, steht in den Paragraphen- und Zuständigkeitssternen.
Rechtlich kann man auch nur eingreifen, wenn die Gefährdung der Kinder vorliegt und "Kindesgefährdung" ist ein äußerst dehnbarer Begriff.

DAS MACHT MICH WÜTEND!!
Es tut gut, darüber zu schreiben und die Geschichte mit euch zu teilen.

Der Punkt meines Eintrags ist:
Wenn du davon erfährst, dass ein Kind oder mehrere in ihrem Umfeld gefährdet sind, vielleicht sogar deine Freunde, dann scheu dich nicht davor, die nötigen Schritte einzuleiten! Im Zweifelsfall hilft dir die Polizei die richtigen Anlaufstellen zu finden.
Außerdem: Denk darüber nach, ob du als Pflegeelternteil in Frage kommst.

DANKE :D

Kommentare:

  1. Wow, Ruth, man fühlt deinen Schmerz und deine Wut durch deine Worte. Bin echt erbost und hoffe inständig, dass es den Kindern wieder besser geht. Verdammtes Jugendamt, wo haben denn die ihre Augen?

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  2. Die Kinder tun mir sehr leid. Besser wäre es gewesen, die Kinder nicht gleich wieder zur Mutter zu geben, sondern sie langsam an die Veränderung zu gewöhnen.
    Dass die Mutter jetzt Deinen Tanten das Umgangsrecht entzieht, ist ein Witz in Tüten, da sie soviel Gutes bei den Kindern bewirkt haben.
    Ich weiß, die Ämter arbeiten oft viel zu langsam. Da muß schon ein Mißbrauch oder Verwahrlosung im Raum stehen, dass die in die Puschen kommen.
    Vielleicht könnte man im Rahmen des § 35a SGB VIII etwas für die Kinder tun? Sind vom Jugendamt schon mal kinderpsychiatrische Gutachten veranlasst worden?

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  3. Ich könnte echt heulen wenn ich das lese. Wurde da gar nicht geprüft ob sich nach der Therapie der Mutter überhaupt irgendetwas geändert hat?
    Wurde die Situation der Kinder vor, während und leider auch nach den Pfegeeltern nicht untersucht?
    Ich dachte darum geht es bei der ganzen Geschichte, dass es den Kindern besser gehen soll. Das hat ja auch super geklappt und diesen Rückschritt sieht nun niemand mehr? Man muss ja quasi wieder von vorne anfangen.
    Die Kinder tun mir so leid. Die ganze Familie eigentlich.
    Es sind Situationen wie diese, warum ich mir 2 mal überlege ein Kind in die Welt zu setzen.
    Ich finde es toll dass wir auch mal über so etwas reden. Ich habe auch 2 Dinge auf dem Herzen, die mich so aufregen und gegen die ich NICHTS machen kann.

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  4. Ich möchte gern einen anderen Aspekt in die Diskussion einbringen:

    In allererster Linie geht es doch darum, daß es den Kindern gut geht.
    Die Beurteilung darüber, ob das so ist, klafft natürlich weit auseinander.

    Christine O.
    Eines weiß ich aber ganz genau: wenn ein Kind dem Spagat zwischen mehreren potentiellen "Eltern" ausgesetzt wird, leidet es sehr. Es soll sich in irgendeiner Weise "entscheiden" und kann das möglicherweise gar nicht, weil es niemandem weh tun möchte.
    Das bringt das arme Kind in einen mörderischen Konflikt, in dem es sich unter Umständen selbst die Schuld an dem Dilemma zuschreibt.
    Verweigerung ist dann eine von vielen möglichen Antworten.
    Tanten wie Mutter sollten in sich gehen und ihre Wertesysteme abgleichen. Ein Hin und Her (auch mal am Wochenende) in "Elternbeziehungen" ist einigermaßen reibungslos nur für diejenigen - glücklichen - Kinder möglich, bei denen die Erziehungsberechtigten sich freundlich und kooperativ gegenüberstehen. Aber das ist äußerst selten.
    Die Tanten haben sicher das Beste gewollt. Aber sie wußten auch, daß es auf Zeit ist. Eine Konkurrenz-Veranstaltung zum häuslichen Umfeld anzufangen, macht wenig Sinn.
    Die Kinder sind jetzt in der unglücklichen Lage, daß sie abwägen müssen, wer die bessere Mama ist.
    Das ist zuviel für eine kleine Kinderseele.

    Ich habe persönlich eine ähnliche Situation erlebt und mich dann ganz zurückgezogen.

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  5. Hups, da wird mein Sigum an der falschen Stelle gebracht.
    Christine O.

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